Ein Rundgang durch St. Gallen



Etwas mehr Zeit sollte man sich nehmen, wenn man den im Herzen der Stadt St. Gallen gelegenen Stiftsbezirk besuchen möchte. Die Anlage atmet förmlich Geschichte. Sie ist nach und nach entstanden und bietet somit auch einen kleinen Rundgang durch die verschiedenen Epochen. Die UNESCO hat den gesamten Stiftsbezirk St. Gallen 1993 in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen. Zu Recht, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Stadt um ihr 612 von Gallum als Einsiedelei gegründetes „Schmuckstück“ bemüht. Jeder, der sich auch nur ein wenig für Kultur und Geschichte interessiert, wird hier reich mit Eindrücken, Informationen und einer gehörigen Portion Wissen belohnt Es bietet sich an, bei einem Rundgang der durchnummerierten Übersichtskarte der Anlage zu folgen. Sie bildete sich aus der Einsiedelei, an deren Stelle Priester Otmar 719 eine Kirche erbaute und später ein Benediktinerkloster gründete. Mittlerweile ist aus der kleinen Kirche eine pompöse Kathedrale geworden. Sie ist mit ihren beiden jeweils mit einem im Sonnenlicht leuchtenden Kreuz verzierten Türmen nicht nur von außen ein echter Blickfang. Baubeginn für die Barockkirche war 1755. Das Innere der Kirche ist Licht durchflutet und setzt die mit viel Liebe zum Detail verzierten Stuck- und Schnitzarbeiten und Bilder perfekt in Szene. Das gilt vor allem für das Chorgestühl. 84 Sitze haben die Handwerker seinerzeit geschaffen, allesamt mit feinem Schnitzwerk versehen. Auch Orgel und Decke, deren Stuck in malachitgrün gehalten ist, sind wahre Kunstwerke. Das Licht und die angenehme Ruhe strahlen eine ganz besondere Stimmung aus, von der man sich leicht und auch gerne „gefangen“ nehmen lässt.

Hat man sich von den überwältigenden Eindrücken losgerissen, geht es weiter im Westflügel der Anlage. Hier sind die Stiftsbibliothek und das Lapidarium untergebracht. Wie schon in der Kathedrale weiß man auch in der Bibliothek nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Auf die vielen Regale, in denen die Bücher fein säuberlich einsortiert sind, oder an die mit Bildern geschmückte Decke. Die Stiftsbibliothek gehört zu den ältesten der Welt. Hier stand schon im achten Jahrhundert das Wissen im Vordergrund und wurde eine beachtliche Sammlung angelegt, die noch heute mit ihren Manuskripten und Unikaten Weltruf genießt. Vom neunten bis zum elften Jahrhundert galt das Kloster als eines der Wissenszentren. Ebenfalls im Westflügel des Stiftsbezirks befindet sich die Steinsammlung, das Lapidarium, wo archäologischen Funde ausgestellt sind und Bildtafeln über die Geschichte der Anlage informieren.

Vom Westflügel aus erreicht man den Hofflügel. Hier ist die Residenz des Bischofs von St. Gallen. Der strahlend weiß getünchte Bau mit seinen roten Ziegeln stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ähnlich gestaltet ist die ehemalige Residenz des Fürstabtes, wo sich heute die Kantonsregierung von St. Gallen befindet. Nach einem kurzen Gang durch die mit viel Grün gestalteten Anlagen des Stiftsbezirks erreicht man das Karlstor aus dem 16. Jahrhundert. Es diente einst als Außentor der Stadt und ist mit einem einzigartigen Wappenrelief aus der Renaissance-Zeit verziert. Ebenfalls zur Anlage gehören das alte Zeughaus, in dem jetzt das Stiftsarchiv ansässig ist, und die Schutzengelkapelle, die sich im Nordflügel anschließt.